Fragen nach Endrick hörte Brasiliens Trainer Carlo Ancelotti zuletzt häufig. Wird der 19-Jährige für die Selecao bei der WM noch ganz wichtig?
Der Mittelstürmer der Selecao zu sein, dem ganzen Stolz des Fußball so sehr liebenden Brasiliens, ist einerseits eine riesige Ehre und für den Auserwählten die Erfüllung eines Kindheitstraumes. Aber es ist andererseits eben auch eine riesige Bürde, die auf seinen Schultern lastet. Schließlich sind die Erwartungen der Landsleute unermesslich hoch.
Zumal die beiden letzten Weltmeistermannschaften Brasiliens jeweils einen legendären Neuner hatten, der maßgeblich zu den Erfolgen beitrug. 1994 beim Titel in den USA füllte Romario diese Rolle mit fünf Turniertoren und drei Assists bravourös aus. 2002, als die Brasilianer in Japan und Südkorea Weltmeister wurden, war der umjubelte Held dann Romarios legitimer Nachfolger Ronaldo (acht Turniertore, darunter beide Treffer beim 2:0 im Finale gegen Deutschland).
Schon seitdem Ronaldo nach der WM 2006 aus der Landesauswahl verschwand, gab es diesen einen Superstar für Brasiliens vorderste Spitze bei den folgenden Endrunden nicht mehr. Klar, dass auch nun, im Jahr 2026, vor allem über die Besetzung der Neunerposition im stolzen Fußballland reichlich diskutiert wird. Aktuell sogar noch mehr als über Neymar, dessen kontrovers besprochene Nominierung etwas in den Hintergrund rückte, da der nach gut zweieinhalb Jahren Abstinenz ins Nationalteam zurückgekehrte Superstar wegen seiner Wadenverletzung bisher ohnehin noch nicht spielen konnte.
Und so musste sich Trainer Carlo Ancelotti in den ersten Tagen der WM 2026 vor allem einer Frage stellen: Warum bringt er auf der Neun eigentlich nicht mal Endrick von Anfang an?
Im Auftaktspiel gegen Marokko (1:1) hatte sich Ancelotti vorne für Igor Thiago entschieden. Der Torjäger vom FC Brentford enttäuschte, was in der ersten Halbzeit allerdings für die gesamte brasilianische Mannschaft galt. Eine Stunde lang durfte Thiago spielen, dann brachte Ancelotti Matheus Cunha für ihn ins Spiel.
«Ich werde nicht über einzelne Spieler sprechen», verweigerte Ancelotti nach dem Spiel auf Nachfrage jegliche Kommentare zu seiner Entscheidung, Endrick 90 Minuten lang auf der Bank schmoren zu lassen. Obwohl der 19-Jährige nach Ansicht vieler mit seinem Spielwitz, seiner Dynamik, seinen technischen Fähigkeiten auf engem Raum und seinem Torinstinkt der geeignete Spieler gewesen wäre, um Brasiliens Spiel in die richtige Richtung zu lenken.
Dass sich mit Ronaldo eine der größten Legenden des brasilianischen Fußballs, für die Fans der Selecao ein Heiliger, für mehr Vertrauen in Endrick aussprach, half Ancelotti sicherlich nicht. «Ich bin sicher, dass er seine Chancen bekommen wird. Er ist bereit», sagte der frühere Weltklassestürmer bei Resenha da Copa.
Zuweilen wurde zuletzt bereits spekuliert, dass Brasiliens italienischer Trainer nicht stärker auf Endrick setzt, weil er schlichtweg kein Fan von ihm ist. Ihre gemeinsame Vergangenheit bei Real Madrid wird als Füllstoff für die Spekulation herangezogen, denn da war ja mal was. In einem LaLiga-Spiel gegen Getafe Ende April 2025 hatte der damalige Real-Coach den seinerzeit 18-jährigen Angreifer erstmals in einem Ligaspiel in die Startelf beordert.
Nach rund einer Stunde bot sich Endrick beim Stand von 1:0 für die Madrilenen, wie es auch bis zum Ende blieb, eine große Torchance. Ziemlich frei vor Getafe-Keeper David Soria entschied er sich für einen Lupfer und scheiterte. Und Ancelotti monierte hinterher, Endrick habe zu lässig abgeschlossen: «Er kann so etwas nicht machen. Er ist jung und muss daraus lernen. Er muss so hart schießen, wie es nur geht», betonte der erfahrene Startrainer. Er führte aus: «Es ist kein Theaterverein, das existiert im Fußball nicht.» Kurz nach der vertanen Chance hatte er Endrick vom Platz genommen.
Brasilien bei der WM 2026: Carlo Ancelotti verschmäht Endrick keineswegs

Zur Wahrheit gehört derweil, dass es für Endrick bei Real erst so richtig schlecht lief, als Ancelotti schon weg war. Der Italiener hatte dem Supertalent, das 2024 unter viel Aufhebens von Palmeiras ins Bernabeu wechselte, zumindest regelmäßig als Joker ein wenig Spielzeit gegeben. Sieben Tore gelangen Endrick in seiner ersten Saison in Madrid in 37 Einsätzen.
Nachdem Xabi Alonso im Sommer 2025 von Ancelotti übernahm, spielte der brasilianische Torjäger dann überhaupt keine Rolle mehr. Unter dem neuen Coach, der nur ein halbes Jahr lang blieb, absolvierte Endrick in der ersten Hälfte der Saison 2025/26 gerade einmal 99 Spielminuten, verteilt auf drei Partien. Den einzigen längeren Einsatz bekam er in einem Pokalspiel gegen einen Drittligisten.
«Ich habe am Anfang der Saison mit ihm gesprochen», sagte Ancelotti, der im Mai 2025 direkt nach seinem Abschied von Real bei der Selecao übernahm, im November vergangenen Jahres laut Diario As über Endrick. «Er war damals verletzt, aber jetzt ist er wieder gesund, ist zurück. Er muss jetzt mit seinem Umfeld darüber nachdenken, was das Beste für ihn ist», meinte er mit Blick auf die Situation des Sturmjuwels im Verein. Dass Ancelotti Endrick für die Länderspiele im Oktober und November 2025 nicht nominiert hatte, war angesichts dessen quasi nicht vorhandener Spielzeit bei Real nachvollziehbar. «Es ist wichtig für ihn, dass er wieder spielt und seine Qualitäten zeigen kann», unterstrich Ancelotti.
Um seine WM-Teilnahme zu retten, zog Endrick Anfang des Jahres in Madrid vorübergehend die Reißleine, ließ sich an Olympique Lyon verleihen. Die goldrichtige Entscheidung, wie sich herausstellen sollte. In Lyon war Endrick Stammspieler, hatte Vertrauen und zahlte es zurück. Acht Tore und acht Assists gelangen ihm in 21 Einsätzen für die Franzosen, folgerichtig war er im März zurück in der Selecao.
Die Rückkehr zeigt, dass Ancelotti seinen ehemaligen Real-Schützling keineswegs verschmäht. Zumal er Endrick seine Chancen gab und der beim 3:1-Testspielsieg gegen Kroatien Ende März als Joker in der Schlussviertelstunde noch zwei Assists lieferte. Kurz vor der WM gegen Panama (6:2) und Ägypten (2:1) durfte Endrick jeweils eine Halbzeit lang mitmachen, gegen die Ägypter gelang ihm der Siegtreffer.
Endrick nutzt seine erste WM-Bewährungschance gegen Haiti
«Matheus Cunha ist mehr am Kombinationsspiel beteiligt, hat seine Qualitäten eher als zweiter, hängender Stürmer, nicht so sehr als zentraler Anspielpunkt vorne. Letzteres kann Igor Thiago sehr wohl. Er ist robust und sehr aggressiv. Und Endrick ist weder das Eine noch das Andere», erklärte Ancelotti vor Brasiliens zweitem WM-Gruppenspiel gegen Haiti seine Gedanken zur Besetzung der Sturmspitze.
Seine Wahl fiel letztlich auf Manchester Uniteds Cunha, der die legendäre Neun auf dem Rücken trägt. Gegen Gruppenaußenseiter Haiti wäre alles andere als ein Sieg auch eine Blamage gewesen, aber Cunha machte seine Sache gut. Der ehemalige Bundesligastürmer erzielte beim 3:0-Erfolg die ersten beiden Tore und sorgte mit dafür, dass das Spiel der Selecao deutlich flüssiger wirkte als gegen natürlich deutlich stärkere Marokkaner.
Und Endrick? «Er ist ein außergewöhnliches Talent. Brasilien wird bei dieser und auch noch bei der nächsten WM sehr von seinen Qualitäten profitieren. Er ist geduldig, verfällt nicht in Eile und ist sehr reif für sein Alter», lobte Ancelotti vor dem Haiti-Spiel. «Ich werde Endrick im richtigen Moment bringen», beruhigte er die Rufe nach einem Startelfeinsatz des Top-Talents. «Wir müssen noch ein bisschen warten, er wird noch wichtig sein.»
Ein erstes Indiz dafür, dass er das ernst meint, lieferte Ancelotti gegen Haiti dann tatsächlich, als er nach gut einer Stunde nicht Thiago, sondern Endrick für Cunha einwechselte. Und der konnte sich durchaus empfehlen, setzte noch ein paar gute Akzente. Beinahe hätte er noch für ein viertes brasilianisches Tor gesorgt, allerdings stand er zuvor beim schönen Anspiel von Rayan knapp im Abseits. Endricks Aussichten auf eine weitere Bewährungschance im abschließenden Gruppenspiel gegen Schottland stehen dennoch gut.
Fürs Erste dürfte aber Cunha in Brasiliens Sturmspitze die Nase vorne haben. «Ich hoffe, dass er einer der ganz großen brasilianischen Spieler wird», sagte Cunha über Endrick. «Er hat den Menschen bereits viel Freude bereitet, bereits damals bei Palmeiras oder hier und da auch für Brasilien. Seine Qualitäten stehen außer Frage. Er ist sehr bescheiden, fragt immer nach Tipps.»
Gute Voraussetzungen dafür, dass Endrick der Auserwählte ist, um eines Tages in die Fußstapfen der Romarios und Ronaldos zu treten. Vielleicht ja sogar noch bei dieser WM.
Endrick bei der WM 2026: Seine bisherige Länderspielkarriere für Brasilien

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Länderspiele |
18 |
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Tore |
4 |
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Länderspieldebüt |
17. November 2023 (1:2 gegen Kolumbien in der WM-Qualifikation) |
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Erstes Länderspiel-Tor |
23. März 2024 bei einem 1:0-Testspielsieg gegen England |
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Große Turniere |
Copa America 2024 (4 Einsätze, 0 Tore, Viertelfinale), WM 2026 (1 Einsatz, 0 Tore) |

