Die deutsche Nationalmannschaft muss womöglich in den kommenden Spielen oder sogar für die restliche WM auf Nico Schlotterbeck verzichten. Daraus resultiert ein Problem, von dem Julian Nagelsmann schon seit Monaten weiß und das er in aller Deutlichkeit sprach. Eine Maßnahme ergriff er dennoch nur bedingt.
Der Schock saß tief, als der Innenverteidiger von Borussia Dortmund nach einer knappen Viertelstunde wegknickte und sich behandeln lassen musste. Vieles deutete auf einen frühen Wechsel hin, doch Schlotterbeck schluckte — wie die TV-Kameras einfingen — eine Schmerztablette und biss sich bis in die Halbzeitpause durch. Es ging allerdings nicht mehr weiter. Antonio Rüdiger übernahm und stand auf dem Rasen, als Joker-Doppelpacker Deniz Undav den 2:1-Sieg über die Elfenbeinküste herausschoss.
Während der Matchwinner gefeiert wurde, fiel die Schlotterbeck-Thematik nach dem Spiel schon beinahe etwas hinten über. Am ZDF-Mikrofon gab Nagelsmann dann aber eine erste Wasserstandsmeldung ab, die alles andere als nach Entwarnung klang. Ganz im Gegenteil! Der 26-Jährige habe «irgendwas am Innenband, er muss morgen ins MRT. Es sieht auf jeden Fall nicht ganz so gut aus — leider», sagte der Bundestrainer. Selbst ein vorzeitiges WM-Aus scheint damit nicht vom Tisch.
Obwohl Rüdiger seine Sache nach der Pause keineswegs schlecht machte und mit den schnellen Ivorern durchaus umzugehen wusste, wäre ein Ausfall Schlotterbecks in der K.o.-Phase ein herber Verlust. Derart, dass Nagelsmann in seinem sagenumwobenen Interview mit dem kicker Anfang März schon über eine mögliche Abstinenz des Dortmunders Abwehrchefs philosophierte und dabei die Alarmglocken für das Eintreten dieses Falls in gewisser Hinsicht vorbereitend läutete.
Nagelsmann bereitete das DFB-Team nur bedingt auf Schlotterbecks Fehlen vor

«Es gibt ein paar Positionen, die doppelt nicht ideal besetzt sind, bei denen wir ehrlich gesagt ein bisschen kreativ werden müssen», leitete Nagelsmann das Thema ein und dann auf Schlotterbeck über: «Er ist aktuell unser einziger Linksfuß und wir hatten schon Riesenprobleme in der Spieleröffnung, wenn er nicht gespielt hat. Schlotti ist ein unfassbar wichtiger Spieler. Trotzdem müssen wir uns darauf vorbereiten, was passiert, wenn er mal nicht spielen kann.» Im Zuge dessen legte sich Nagelsmann schon mehr oder weniger auf sein Innenverteidiger-Duo Schlotterbeck und Jonathan Tah für die WM fest, was sich im Gegensatz zu anderen aufgrund des Zeitpunkts gewagten Tendenzen (Stichwort: Leon Goretzka) bislang in Amerika auch bewahrheitete.
Doch ist das DFB-Team abseits des Trainingsplatzes tatsächlich auf eine Viererkette ohne Schlotterbeck vorbereitet? Nicht wirklich. In den fünf Partien bis zum Duell mit der Elfenbeinküste spielte Schlotterbeck immer durch. Ersatzmann Rüdiger, ein Rechtsfuß, stand hingegen letztmals in der WM-Qualifikation im September über 90 Minuten auf dem Platz, worunter nach einem mehr als schwachen Auftritts des 33-Jährigen von Real Madrid das blamable 0:2 gegen die Slowakei fiel. Von Nagelsmanns Interview bis zum WM-Start sprang in Folge dessen nur eine Hälfte gegen Ghana heraus, nachdem Rüdiger zuvor zwei Lehrgänge mit einer Oberschenkelverletzung verpasst hatte — als Einwechselspieler für Jonathan Tah. Also als rechter Part in der Innenverteidigung neben Schlotterbeck. Spielpraxis sieht anders aus.
Gegen die Elfenbeinküste schlüpfte am Samstag letztlich Tah in die Schlotterbeck-Rolle und machte Platz für Rüdiger. Keineswegs Neuland für ihn, auch beim FC Bayern München bekleidet er jene Position meistens (links neben Dayot Upamecano). Seit dem Final Four der Nations League im Sommer 2025 allerdings nur zweimal mit dem Adler auf der Brust, weil Schlotterbeck jeweils fehlte: Beim 2:0-Sieg gegen Luxemburg und besagtem Debakel in der Slowakei. Linksfuß ist der 30-Jährige übrigens ebenfalls nicht.
Dies trifft auch auf die Backups Waldemar Anton und Malick Thiaw zu. Nagelsmann verzichtete bewusst darauf, einen Innenverteidiger mit starkem linken Fuß zu nominieren, obwohl er den Notstand Monate vorher benannte. Zu seiner Verteidigung sind die Alternativen aber auch rar gesät. Einzig Jeff Chabot vom VfB Stuttgart hätte das geforderte Profil von den Spielern mitgebracht, die sich im Vorfeld der Nominierung ansatzweise im Dunstkreis des DFB befanden. Die anderen beiden defensiven Linksfüße, David Raum und Nathaniel Brown, sind dagegen klare Außenverteidiger.
Tah kennt die Schlotterbeck-Rolle vom FC Bayern, aber …
So wird Tah womöglich für den restlichen Turnierverlauf links im Abwehrzentrum die Kohlen aus dem Feuer holen müssen, allen voran aber Schlotterbecks Qualitäten am Ball nicht eins zu eins ersetzen können. Zwar gehört der 30-Jährige zu den sichersten Ballverteilern beim FC Bayern, raumöffnende oder diagonale Bälle in Schnittstellen spielt er jedoch seltener und deutlich risikobewusster als andere Innenverteidiger — wie zum Beispiel Schlotterbeck, der dahingehend ohne jeden Zweifel zu den besten seines Fachs gehört. Auch, weil Tah als linker Part mit dem rechten Fuß schlichtweg seltener in jene Situationen kommt.
Gegen den Ball schenken sich Tah und Schotterbeck ohnehin nicht viel. Rüdiger blieb diesen Beweis zumindest im DFB-Trikot schon häufiger schuldig. Bei der Heim-EM 2024 bewies das nun wohl wieder geforderte Duo aber, dass es kompatibel ist. Beide profitierten voneinander, während Schlotterbeck Reservist war. Einzig im Achtelfinale beim 2:0-Sieg über Dänemark spielte er von Beginn an, weil Tah mit einer Gelbsperre fehlte — und bereitete das zweite deutsche Tor durch Jamal Musiala mit einem seiner gefürchteten langen Schläge bravourös vor. Vereinzelte Stimmen, die einen Stammplatz für Schlotterbeck forderten, ignorierte Nagelsmann aber und setzte beim bitteren Ausscheiden gegen Spanien wieder auf Tah und Rüdiger. Das Blatt hat sich seither bekanntlich um 180 Grad gewendet.
Ob die von Nagelsmann angemerkten «Riesenprobleme» ohne Schlotterbecks Stärken aber tatsächlich eintreffen, bleibt abzuwarten. In den vergangenen zwölf Monaten hätten sich Rüdiger und Tah jedoch mit Sicherheit gewünscht, das mehr oder weniger zwei Jahre alte Stück etwas häufiger auf dem Platz zu proben.
Deutschland bei der WM 2026: Der Kader des DFB-Teams
| Position | Spieler | Verein | Rückennummer |
| Tor | Oliver Baumann | TSG Hoffenheim | 12 |
| Tor | Manuel Neuer | FC Bayern München | 1 |
| Tor | Alexander Nübel | VfB Stuttgart | 21 |
| Defensive | Waldemar Anton | Borussia Dortmund | 3 |
| Defensive | Nathaniel Brown | Eintracht Frankfurt | 18 |
| Defensive | Pascal Groß | Brighton & Hove Albion | 13 |
| Defensive | Joshua Kimmich | FC Bayern München | 6 |
| Defensive | Felix Nmecha | Borussia Dortmund | 23 |
| Defensive | Aleksandar Pavlovic | FC Bayern München | 5 |
| Defensive | David Raum | RB Leipzig | 22 |
| Defensive | Antonio Rüdiger | Real Madrid | 2 |
| Defensive | Nico Schlotterbeck | Borussia Dortmund | 15 |
| Defensive | Angelo Stiller | VfB Stuttgart | 16 |
| Defensive | Jonathan Tah | FC Bayern München | 4 |
| Defensive | Malick Thiaw | Newcastle United | 24 |
| Offensive | Nadiem Amiri | Mainz 05 | 20 |
| Offensive | Maximilian Beier | Borussia Dortmund | 14 |
| Offensive | Leon Goretzka | FC Bayern München | 8 |
| Offensive | Kai Havertz | FC Arsenal | 7 |
| Offensive | Assan Ouedraogo | RB Leipzig | 25 |
| Offensive | Jamie Leweling | VfB Stuttgart | 9 |
| Offensive | Jamal Musiala | FC Bayern München | 10 |
| Offensive | Leroy Sane | Galatasaray Istanbul | 19 |
| Offensive | Deniz Undav | VfB Stuttgart | 26 |
| Offensive | Florian Wirtz | FC Liverpool | 17 |
| Offensive | Nick Woltemade | Newcastle United | 11 |

