Der gefeierte Held nach Deutschlands spätem Sieg gegen die Elfenbeinküste ist völlig zurecht Deniz Undav. Als Architekt fungierte aber ein anderer: Felix Nmecha.
Tief in der Nachspielzeit kam Felix Nmecha in der Mitte der gegnerischen Hälfte mit dem Rücken zum Tor an den Ball. Geschmeidig drehte er sich um die eigene Achse — und bekam dann folgenden Anblick geboten: Ein Gegenspieler direkt rechts neben ihm und zehn vor ihm. Keeper Yahia Fofana sowie zwei engmaschige Abwehrketten. Dazwischen warteten vier deutsche Angreifer halbwegs statisch auf ein Wunder.
Die unmittelbare Kreation einer Torchance erschien unmöglich. Vielleicht ein Querpass samt darauffolgender Halbfeldflanke? Felix Nmecha entschied sich für das Wunder. Mit einem Pass wie ein Schwerthieb durchteilte er die beiden ivorischen Abwehrketten und setzte damit Deniz Undav derart perfekt in Szene setzte, dass alles andere als dessen ähnlich perfekte Ballverarbeitung einer Beleidigung dieses Zuspiels geglichen hätte. Undav nahm den Ball überragend mit und traf dann zum 2:1. Erstmals seit 2014 steht Deutschland in der K.o.-Phase einer WM und dank Ecuadors Patzer gegen Curacao sogar als Gruppensieger fest.
«In der 94. Minute diesen Pass raus zu kitzeln nach all den Momenten, die er schon hatte, ist außergewöhnlich», lobte Bundestrainer Julian Nagelsmann. «Er bringt alles mit, um jedes Spiel zu entscheiden.»
Felix Nmecha glänzte gegen die Elfenbeinküste in vielerlei Hinsicht

Der Schwertpass war nur die Krönung von Nmechas zweitem überragenden WM-Auftritt. Beim berauschenden 7:1-Auftaktsieg gegen Curacao hatte der 25-jährige Mittelfeldspieler von Borussia Dortmund seine Mannschaft nach einem tollen Doppelpass mit Florian Wirtz früh in Führung gebracht und anschließend den Elfmeter herausgeholt, den Kai Havertz zum vorentscheidenden 3:1 verwandelte. Gegen die Elfenbeinküste war Nmecha in einer insgesamt eher enttäuschenden deutschen Mannschaft lange der einzige Lichtblick.
Mit seinem erstaunlichen Tempo und seiner wuchtigen Physis unterband er mehrere gefährliche ivorische Konter. Am eindrucksvollsten kurz vor dem Seitenwechsel, als er dem durchgebrochenen Amad Diallo den Ball klaute. Zehn Zweikämpfe gewann Nmecha und damit mehr als jeder andere deutsche Spieler. «Seine Präsenz vor allem in der ersten Halbzeit war unglaublich», lobte Nagelsmann.
Diese Präsenz beschränkte sich aber nicht nur auf die Arbeit gegen den Ball. Tatsächlich war sein entscheidender Pass kein einmaliges Wunder, Nmecha spielte im Laufe der Partie mehrere derartige Pässe in verschiedenen Regionen des Spielfelds und gab dem deutschen Kombinationsspiel damit eine zusätzliche Dimension. Kam er an den Ball, orientierte er sich immer nach vorne. Trotz dieser durchaus riskanten Marschroute verzeichnete er eine starke Passquote von rund 91 Prozent. Seine technische Klasse unterstrich Nmecha in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit, als er eine gute Wirtz-Chance auf engstem Raum gekonnt mit der Hacke vorbereitete.
Zuvor war er mit einem gefährlichen Distanzschuss knapp gescheitert. Womöglich diente dieser Schuss als Vorgeschmack auf das, was noch kommt in diesem Turnier — und sich als Waffe erweisen könnte, wenn sonst nichts mehr hilft. Distanzschüsse sind eine bei der WM bis dato verborgene Stärke Nmechas. In der abgelaufenen Saison erzielte er vier seiner fünf Treffer für Dortmund mit Abschlüssen von außerhalb des Strafraums, davon drei in der Champions League.
«Sehr, sehr kompletter Spieler»: Felix Nmecha erinnert an Paul Pogba

Wegen seiner starken Leistungen wird Nmecha von Mitspielern wie TV-Experten seit Tagen mit Lobgesängen bedacht. «Er ist einer der talentiertesten Spieler, die wir haben», befand Joshua Kimmich. Man könne mit ihm «geilen Fußball» spielen, schwärmte Aleksandar Pavlovic, sein Nebenmann auf der Doppelsechs. «Ich möchte jetzt nicht zu sehr übertreiben», erklärte Antonio Rüdiger in Toronto. «Aber er ist ein sehr, sehr kompletter Spieler.»
Mit seiner körperlichen Statur, seinen großen Schritten, geschmeidigen Bewegungen und seiner fußballerischen Klasse wirkt Nmecha wie die Wiedergeburt von Paul Pogba in dessen allerbesten Zeit. Der mittlerweile 33-Jährige kommandierte Frankreich 2018 zum WM-Titel in Russland, ehe er einen erstaunlichen Niedergang erlebte. Nach einer zwischenzeitlichen Sperre wegen der Einnahme verbotener Substanzen spielt Pogba seit vergangenen Sommer für die AS Monaco.
Real Madrid oder England? Internationale Topklubs buhlen um Felix Nmecha

Dass Nmecha bei der WM derart explodiert, war übrigens gar nicht absehbar. Ursprünglich hatte Nagelsmann den in der Qualifikation gesetzten Leon Goretzka für den offensiven Part der Doppelsechs eingeplant. Im Frühling zog sich Nmecha einen Außenbandriss im Knie zu, verpasste die März-Länderspiele und feierte erst am letzten Bundesliga-Spieltag sein Startelf-Comeback für den BVB.
Ob Nmecha noch ein weiteres Pflichtspiel im schwarz-gelben Trikot bestreiten wird, erscheint mit jedem weiteren Galaauftritt bei dieser WM unwahrscheinlicher. Mittlerweile gilt er als die wohl heißeste Transferaktie des Turniers. Nmecha verlängerte zwar erst im Frühling seinen Vertrag vorzeitig bis 2030, wird aber dennoch von zahlreichen europäischen Topklubs umworben. Neben Real Madrid buhlen vor allem die Premier-League-Vereine FC Chelsea, Manchester City und United um ihn. Seine Ausstiegsklausel über 80 Millionen Euro greift erst 2027. In diesem Sommer kann der BVB frei verhandeln, die Schmerzgrenze soll bei 120 Millionen Euro liegen.
Verpflichtet hatte ihn der BVB 2023 für 30 Millionen Euro vom VfL Wolfsburg. Damals unter großer Kritik vieler Fans wegen seiner umstrittenen religiösen Ansichten. Nmecha gehört einem evangelikalen Netzwerk an und teilte in den sozialen Netzwerken Inhalte, die als homophob und transphob gewertet werden können. Religion spielt eine sehr wichtige Rolle in seinem Leben: Wie schon nach dem Curacao-Spiel betete er auch nach dem Sieg gegen die Elfenbeinküste gemeinsam mit dem ebenfalls gläubigen Jonathan Tah auf dem Platz — diesmal jedoch ohne gegnerische Spieler.

