Am Gruppensieg änderte Deutschlands Pleite gegen Ecuador zwar nichts — an der Stimmung aber alles. Julian Nagelsmanns Plan ist nicht aufgegangen. Stattdessen winken nun hitzige Debatten um Manuel Neuer und Joshua Kimmich. Ein Kommentar.
So diffus das deutsche Spiel bei der 1:2-Pleite gegen Ecuador daherkam, so diffus wirkten auch die anschließenden Analysen der Protagonisten. Emotional angekratzt widersprach Bundestrainer Julian Nagelsmann im Magenta-Interview vehement der Aussage, dass Ecuador den Sieg mehr wollte als Deutschland — seine Spieler sahen das ganz anders.
«Ich hatte das Gefühl, dass sie es mehr wollten als wir», sagte beispielsweise Deniz Undav, der wieder nur als Joker kam, diesmal aber keinen Input brachte. Joshua Kimmich pflichtete ihm «definitiv» bei. «Das ist das, was mich am meisten ärgert», befand der Kapitän mit Blick auf die fehlende Emotionalität und Entschlossenheit des DFB-Teams gar. «Das darf uns unabhängig von der Konstellation nicht passieren.»
Die Konstellation vor diesem abschließenden Gruppenspiel war bekanntlich höchst komfortabel: Deutschland stand nach den beiden Siegen gegen Curacao und die Elfenbeinküste bereits als Gruppensieger fest. Nagelsmann konnte frei wählen zwischen Einspielen und Rotieren, die auserwählten Spieler konnten ohne Druck auflaufen. Insofern ist es beachtlich, wie viele Baustellen sich dennoch verschärft oder sogar neu aufgetan haben.
Abgesehen von den beiden erzwungenen Startelf-Wechseln wegen der Unpässlichkeiten von Nico Schlotterbeck und Nathaniel Brown verzichtete der Bundestrainer auf Rotationen. Seine bevorzugte Startelf solle im Rhythmus bleiben, sich für den weiteren Turnierverlauf einspielen und die im Land aufkommende Euphorie weiter befeuern. So lautete Nagelsmanns Plan, der krachend scheiterte. Stattdessen zeigte das DFB-Team den schwächsten Auftritt des bisherigen Turniers. Einen Auftritt, der ein vorzeitiges Aus im Sechzehntelfinale am Montag befürchten lässt. Ganz egal, gegen welchen Gruppendritten es letztlich geht.
DFB-Team: Manuel Neuer trägt eine Mitschuld an Ecuadors Siegtor

Fangen wir ganz hinten an bei Manuel Neuer. Nach zwei undankbaren Torwart-Spielen (unhaltbare Gegentore, ansonsten nicht gefordert) wurde der Rückkehrer gegen Ecuador erstmals gebraucht — und wirkte direkt unglücklich. Bei Ecuadors Siegtreffer nach einer Ecke griff Neuer daneben (er selbst sah übrigens keine Schuld bei sich). Bereits kurz zuvor hatte Neuer Abstimmungsprobleme mit Jonathan Tah offenbart. Deutschland kassierte auch im neunten WM-Spiel seit dem Finalsieg von 2014 mindestens ein Gegentor, eine gruselige Serie.
Nun wird eintreten, was seit Neuers umstrittenem Comeback bei etwaigen Unsicherheiten vorhersehbar war: Hitzige Debatten über die Sinnhaftigkeit von Nagelsmanns Entscheidung, den 40-Jährigen zurückzuholen und den in der Qualifikation so verlässlichen Oliver Baumann zu degradieren. Bis dato hat sich der Poker nicht ausgezahlt.
Es ist zwar eine höchst hypothetische Spielerei: Aber hätte Nagelsmann Baumann im sportlich irrelevanten Spiel gegen Ecuador wie von vielen gefordert als Dank für seine Loyalität zum WM-Debüt verholfen, hätte Neuer nicht patzen können.
DFB-Team: Muss Joshua Kimmich zurück ins MIttelfeld?

Ähnlich hitzig wie über Neuer dürfte in den kommenden Tagen auch über ein zweites Thema debattiert werden — und zwar über einen Evergreen der jüngeren deutschen Fußballgeschichte: Muss Joshua Kimmich zurück ins Mittelfeld?
Die Doppelsechs bestehend aus Felix Nmecha und Aleksandar Pavlovic machte gegen Ecuador einen ganz schwachen Eindruck. Der zuletzt so überragende Nmecha leistete sich unnötige Ballverluste, etwa unmittelbar vor dem 1:1. Pavlovic wirkte wie schon in den ersten beiden WM-Spielen behäbig und uninspiriert, auch er hatte Anteil am Ausgleich und musste zur Pause folgerichtig runter. Nach einer guten Saison mit dem FC Bayern wirkt seine schwache WM ziemlich rätselhaft.
Kimmich fehlte gegen Ecuador derweil rechts hinten der Zugriff aufs deutsche Spiel, seine Geschwindigkeitsdefizite waren schon gegen Yan Diomande von der Elfenbeinküste offensichtlich geworden. Tatsächlich wäre Kimmichs Wechsel ins Mittelfeld aber nur eine Baustellen-Verlagerung, denn für rechts hinten gibt es keine adäquate Alternative. Der angeschlagene Linksverteidiger Nathaniel Brown könnte dort zwar auch spielen, dann würde aber der gegen Ecuador defensiv wackelige David Raum in der Startelf bleiben.
Deutschland positionierte sich in der Gruppenphase nicht als Titelkandidat

Ähnlich bedenklich wie die dysfunktionale Doppelsechs erschien die abermals fehlende Durchschlagskraft des Offensivquartetts. Leroy Sane brach mit seinem frühen Führungstor zwar seinen persönlichen Bann und erzielte in seinem 15. Einsatz bei einem großen Turnier sein erstes (aber letztlich eigentlich regelwidriges) Tor, blieb ansonsten jedoch offensiv erneut blass. Jamal Musiala, Florian Wirtz und Kai Havertz suchen bei dieser WM weiterhin halbwegs verzweifelt ihren Zauberer-Modus. Nagelsmanns große Hoffnung war, dass sie gegen Ecuador befreit aufspielen, zueinander finden und Selbstvertrauen tanken. Letztlich passierte das Gegenteil.
Was bleibt also von dieser Gruppenphase? Mannschaftlich: Gegen Außenseiter Curacao ein zwischenzeitlicher Schock und eine berauschende zweite Halbzeit, gegen die Elfenbeinküste ein Kraftakt samt emotionalem Ende durch Undavs Siegtor in der Nachspielzeit, gegen Ecuador eine insgesamt rundum enttäuschende Vorstellung.
Individuell: Undav sorgte als hocheffizienter Joker für Aufsehen, Nmecha spielte sich mit zwei starken Auftritten ins Schaufenster, Brown wies seine internationale Klasse nach, alle anderen Stammspieler präsentieren sich insgesamt durchschnittlich bis schwach. Das DFB-Team hat zwar erstmals seit 2014 eine WM-Gruppenphase überstanden, positionierte sich dabei aber bei weitem nicht als Titelkandidat.

