Сб. Июн 27th, 2026

Eine Baustelle im DFB-Team würde sich nur verlagern! Julian Nagelsmann sollte nicht auf Lothar Matthäus hören

Fußball-Deutschland diskutiert mal wieder eine Evergreen-Debatte: Muss Joshua Kimmich zurück ins Mittelfeld? Es gäbe zwar gute Gründe dafür, in der aktuellen Situation überwiegen aber die Nachteile.

Seit über acht Monaten spielt Joshua Kimmich in der Nationalmannschaft jetzt schon nonstop als Rechtsverteidiger. Da ist es doch höchste Zeit, endlich mal wieder den Evergreen unter den deutschen Fußball-Debatten der jüngeren Geschichte auszupacken: Sollte Kimmich im WM-Sechzehntelfinale am Montag in Foxborough bei Boston gegen Paraguay nicht besser zurück ins Mittelfeld?


Kimmich zeigte beim WM-Auftakt gegen Außenseiter Curacao (7:1) eine starke Leistung und lieferte zwei Assists. Beim knappen 2:1-Sieg gegen die Elfenbeinküste offenbarte er im Duell mit Yan Diomande die erwartbaren Geschwindigkeitsdefizite und hatte dadurch Anteil am zwischenzeitlichen Rückstand. Langsam nahmen die Debatten Fahrt auf. Seit seinem wirkungslosen Auftritt in einer insgesamt schwachen deutschen Mannschaft bei der ernüchternde (aber sportlich irrelevanten) 1:2-Pleite im dritten WM-Gruppenspiel gegen Ecuador haben sie Hochkonjunktur. 

«Tut ihm einen Gefallen und holt ihn da hinten weg», erbat Chef-Experte Lothar Matthäus in der Bild eine Versetzung Kimmichs. Nach zwei starken Jahren als Mittelfeldchef beim FC Bayern habe der 31-Jährige als Rechtsverteidiger in der Nationalmannschaft laut Matthäus «nicht den Einfluss, den ich mir von einem Kapitän wünsche». Das Hauptargument für eine Rückkehr Kimmichs ins Mittelfeldzentrum wäre aber — wie meist bei dieser Debatte — weniger seine eigene Leistungen rechts hinten, sondern die Dysfunktionalität der deutschen Doppelsechs. Es steht völlig außer Frage, dass Kimmich das Spiel im Mittelfeld bereichern würde.

DFB-Team: Aleksandar Pavlovic spielt eine enttäuschende WM

DFB-Team: Aleksandar Pavlovic spielt eine enttäuschende WM

In der WM-Qualifikation hatte Nagelsmann auf der Doppelsechs noch konsequent auf Leon Goretzka vertraut. Die aktuell gesetzten Aleksandar Pavlovic und Felix Nmecha spielten vor dem Turnier kaum zusammen, wenig verwunderlich mangelt es noch an Abstimmung.

Unabhängig davon zeigte Nmecha bei der WM zwei individuell ganz starke Auftritte gegen Curacao und die Elfenbeinküste. Gegen Ecuador leistete er sich jedoch unnötige Ballverluste, etwa unmittelbar vor dem 1:1. Pavlovic wirkte wie schon in den ersten beiden WM-Spielen behäbig und uninspiriert, auch er hatte Anteil am Ausgleich und musste zur Pause folgerichtig runter.

Pavlovics schwache WM wirkt speziell nach seiner guten Saison mit dem FC Bayern rätselhaft. In München spielt er aber halt auch neben Kimmich. Sollte Kimmich tatsächlich ins Zentrum zurückkehren, müsste Nagelsmann Pavlovic oder Nmecha opfern. Aufgrund der Erfahrungswerte vom FC Bayern würde grundsätzlich alles für ein Duo Kimmich/Pavlovic sprechen. Ein Bankplatz Nmechas wäre nach seinen zwei Galaauftritten gepaart mit den bisherigen Eindrücken Pavlovics bei dieser WM jedoch kaum vertretbar. Kimmich und Nmecha haben derweil überhaupt noch nie auf der Doppelsechs zusammengespielt.

Welche Alternativen hätte Julian Nagelsmann in der Außenverteidigung?

Welche Alternativen hätte Julian Nagelsmann in der Außenverteidigung?

Das größte Problem einer Versetzung Kimmichs wäre die dadurch entstehende Vakanz rechts hinten. Seit Jahren verfügt Deutschland über keinen herausragenden Außenverteidiger, schon gar nicht über zwei. Nathaniel Brown machte es in den ersten beiden Spielen links hinten ordentlich, gegen Ecuador musste er wegen Wadenproblemen passen. Vertreter David Raum, in der Qualifikation noch gesetzt, belebte mit seinen Flanken zwar das deutsche Angriffsspiel, präsentierte sich gegen den Ball aber wackelig. Eine Empfehlung für einen Verbleib in der Startelf gab er jedenfalls nicht ab. Sofern Nagelsmann Kimmich rechts hinten abzieht, gäbe es mit dem aktuellen Kader zwei halbwegs realistische Optionen.

Option 1: Er lässt Raum in der Startelf und bietet Brown, der im Sechzehntelfinale nach Aussage des Bundestrainers wieder einsatzbereit sein soll, als Rechtsverteidiger auf. Dort spielte er in der abgelaufenen Saison auch vereinzelt für Eintracht Frankfurt, in der Nationalmannschaft aber noch nie. Dieses Experiment in einem WM-K.o.-Spiel einzugehen, würde an Harakiri grenzen. Behoben wäre dadurch immerhin das Tempo-Problem. Brown ist diesbezüglich sowieso über alle Zweifel erhaben. Mit einem Topspeed von 35,78 km/h war er in der vergangenen Saison der elftschnellste Spieler der Bundesliga. Raum kam auf 34,63 km/h, Kimmich lediglich auf 33,08 (Platz 242 im Bundesliga-Ranking).

Option 2: Eine Wiedergeburt der vom WM-Titel 2014 bewährten sogenannten «Ochsenabwehr» mit einem Innenverteidiger auf der Außenbahn. Damals verteidigte Bendikt Höwedes links, diesmal müsste Waldemar Anton oder Malick Thiaw rechts ran. Anton ist sogar noch langsamer als Kimmich, Thiaw verfügt über ein solides Tempo. Das Offensivspiel würde unter einer derartigen Umstellung zwangsläufig leiden, die gewohnten Abläufe würden nicht mehr greifen. Ähnlich wäre es bei einer Fünferkette. In diesem Fall müsste Nagelsmann zudem großräumig umbauen, was sehr unwahrscheinlich erscheint.

Julian Nagelsmann: «Ein Wechsel ist akut nicht geplant»

Julian Nagelsmann:

Es gibt für Nagelsmann zwar prinzipiell gute Gründe, Matthäus’ Forderung zu befolgen und Kimmich ins Mittelfeld zu versetzen. In der aktuellen Situation überwiegen aber die Nachteile und Unwägbarkeiten. Tatsächlich würde sich die Baustelle nur verlagern. Sowohl im Mittelfeld als auch rechts hinten entstünden im DFB-Team völlig unerprobte Konstellationen. Gleichzeitig würde Nagelsmann mit diesem Schritt kurzerhand seine monatelangen Überlegungen für das Turnier und die Kaderzusammenstellung über den Haufen werfen, seine Arbeit erschiene dadurch insgesamt in einem sehr schlechtes Licht.

Direkt nach der Pleite gegen Ecuador erteilte der Bundestrainer etwaigen Überlegungen einer Kimmich-Versetzung eine Absage, ließ sich bei seiner Wortwahl aber eine Hintertür offen. «Ich will auf Felix und Pavlo nicht verzichten», erklärte er und fügte etwas geschönt hinzu, dass «sie es gut machen» würden. Und weiter: «Im Fußball kann man nichts ausschließen, aber ein Wechsel ist akut nicht geplant.»

Die Geschichte lehrt, dass man auf derartige Worte Nagelsmanns nicht allzu viel geben sollte. Seit seinem Amtsantritt fährt der Bundestrainer (nicht nur) bei Kimmich einen Schlingerkurs. Im Herbst 2023 bot er ihn zunächst im Mittelfeld auf, zog ihn dann vor der Heim-EM nach rechts hinten zurück. Dort spielte Kimmich auch in den Monaten danach, ehe Nagelsmann im Juli 2025 völlig aus dem Nichts verkündete: «Stand jetzt kehrt er auf die Sechs zurück.» Eine Änderung würde es nur geben, wenn die Rechtsverteidiger-Alternativen «auf ganzer Linie versagen».

Kimmich gab damals selbst zu, von dieser Entscheidung Nagelsmanns «überrascht» gewesen zu sein, freute sich aber über die Rückkehr ins Zentrum: «Ich habe das Gefühl, dass ich dort meine Stärken noch mehr einbringen kann.» Zum Auftakt der WM-Qualifikation folgte eine 0:2-Pleite in der Slowakei mit einem desaströsen Rechtsverteidiger Nnamdi Collins. Bereits in der Oktober-Länderspielphase kehrte Kimmich nach rechts hinten zurück.

By Callum Henshaw

Callum Henshaw, based in Bristol, England, is a sports journalist hooked on Juventus. From match breakdowns to transfer buzz, he delivers sharp, fan-focused takes on the Bianconeri.

Related Post